Worte Grundlage allen Denkens

Jesus Christus spricht: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen (Markus 13,31)
Friedrich der II. soll auf der Suche nach der ursprünglichen Sprache der Menschheit ein Experiment angeregt haben, das uns heute geradezu gruselig anmutet: Kleine, neugeborene Kinder wurden in einer Art Hort betreut, ihnen wurden alle Bedürfnisse erfüllt, ihnen wurde zu Essen und zu Trinken gegeben, sie wurden gewaschen und trocken gelegt. Nur durften die Betreuerinnen mit den Säuglingen nicht reden. Kein einziges Wort sollte die Kleinen beeinflussen, wenn sie zu einer Sprache fänden, die unabhängig wäre von den Einflüssen jeder nationalen Sprache.
Doch den Säuglingen fehlte die Zuwendung, die sich in der Ansprache der Pflegerinnen ausgedrückte hatte. Sie hätten Worte gebraucht, um sich wirklich entwickeln zu können. Ohne Worte verkümmerten sie mehr und mehr und starben schließlich.
Worte haben eben eine ungeheure Bedeutung. Die Ansprache der Mutter oder des Vaters erst lässt ein Kind die Liebe spüren, die es für seine Entwicklung braucht Es reicht eben nicht, nur äußerlich versorgt zu werden. Worte bilden die Grundlage allen Denkens. Ohne zumindest gedachte Worte oder Begriffe, können wir keinen Gedanken präzise fassen. Und schließlich ist das Wort für jede Religion fundamental. Besonders die christlich-jüdische Religion ist eine Wort-Religion, die sich an heiligen Worten orientiert. Die Jahreslosung für das Jahr 2004 zeigt die Bedeutung dieser heiligen Worte, der Worte Jesu, die in Ewigkeit nicht vergehen werden. Die heiligen Worte, in denen Gott zu uns Menschen spricht, sind von einer anderen Qualität als die Dinge dieser Welt. Sie sind unverfügbar, in ihnen scheint etwas von der Ewigkeit in die Endlichkeit.
Wie die Kinder der Worte bedürfen, um sich gesund entwickeln zu können und um sich in dieser Welt zurecht zu finden, so brauchen auch wir die heiligen Worte, die ewig bestehen, um in die ewige Welt hineinzuwachsen. Durch diese Worte können wir schon jetzt an dem partizipieren, was ewig bleibt. Und in diesen Worten ist uns die Hoffnung geschenkt, dass auch wir nicht vergehen müssen, wie Himmel und Erde. In Jesus Christus, der selbst zum ewigen Wort geworden ist, können wir Teil haben an einem Leben, das weiter trägt als alles, was vergeht.
 
Ihr Pfarrer Dr. Stephan Goldschmidt

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