DAS LUKASEVANGELIUM IN (KREUZ-)REIMEN

 "Verdichtet" von Pfarrer Martin Becker
 
ERFÜLLUNG

Seit Jahren lebt er in der Stadt.
Nicht weil sie große Märkte hat.
Nein! In ihr steht das Gotteshaus.
Dort geht er täglich ein und aus.

Seit Jahren wartet er nun schon
auf den Messias, Gottes Sohn,
weil ihm vor endlos langer Zeit
dies irgendwie geprophezeit.

Ihm war gesagt, er stürbe nicht
bevor er Christus zu Gesicht
bekäme. Und so wartet er.
Inzwischen fällt das Gehen schwer.

Man hat ihn für verrückt erklärt.
Man sagt zu ihm: "Das ist verjährt."
Man lacht ihn aus - den alten Mann.
Und manchmal fragt er selbst sich: "Wann?"

Der Simeon ist fromm und alt.
Der Tod macht auch vor ihm nicht Halt.
Das weiß der Simeon genau,
denn seine Haare sind schon grau.

Trotz allen Spottes glaubt er fest,
weil er auf Gott sich ganz verlässt.
Das, was Gott zusagt, hält er auch.
Von Zweifeln spürt er nicht den Hauch.

Nur leidet er an dieser Welt,
an Bosheit und der Jagd nach Geld,
an Gottvergessenheit und Neid,
an Not und Elend, Angst und Leid.

Mit Simeon ist Gottes Geist,
der ihn schon jetzt darauf verweist:
"Mit Christus kommt auch Gottes Trost.
D'rum sei gelassen, nicht erbost!"

Er fragt sich oft: Wie sieht er aus?
Wo treff ich ihn, in welchem Haus?
Erkenn ich den Messias gleich?
Kommt er mit Macht und ist er reich?

Und wieder einmal geht er hin.
Im Tempel - kommt ihm in den Sinn -
da treff ich ihn womöglich an,
den lang ersehnten Gottesmann.

Dort sieht man Priester im Gewand.
Dort trifft sich aus dem ganzen Land
das Volk zum Beten und Gesang.
Vielfältig hört man Stimmenklang.

Es riecht nach Schafen und nach Rauch,
denn opfern kann man sehr wohl auch.
Der Duft von manchem Opfertier
Steigt auf zu Gott vom Tempel hier.

Krumm geht der Simeon durchs Tor.
Ein junges Paar geht ihm zuvor.
Die tragen auf dem Arm ein Kind
und zeigen, dass sie glücklich sind.

Sie wollen hier nach altem Brauch
aus Dankbarkeit Gott opfern auch.
Zwei Tauben gibt man für den Sohn.
Die kauften sie beim Händler schon.

Weil man den ersten Sohn Gott weiht
ist es nicht die Besonderheit,
dass junge Paare mit dem Kind
zum Opfern hier im Tempel sind.

Doch Simeon brennt es im Herz,
ein Glücksgefühl fast wie ein Schmerz.
Er nimmt das Kind auf seinen Arm.
Im ganzen Körper wird ihm warm.

Nie hätt er an ein Kind gedacht.
Da hätt er selbst sich ausgelacht.
Doch fühlt er: Dieser wird es sein.
Er ist der Christus, er allein.

Die Eltern sehn den alten Mann
erstaunt mit ihren Augen an
und hören, was er zu Gott spricht:
"Dies Kind bringt in die Welt dein Licht!

Ich kann in Frieden zu dir gehn.
Ich hab den Heiland heut gesehn.
Was Gott verspricht, das hält er auch.
Nun ich nicht länger warten brauch."

Die Eltern wundern sich doch sehr.
Und Simeon erklärt noch mehr:
"Er wird für alle, groß und klein,
der Richter oder Retter sein.

Für Israel ist er der Ruhm,
bringt Licht auch in das Heidentum.
Doch wer sich ihm entgegensetzt,
die Ehre Gottes schwer verletzt.

Man lehnt ihn ab. Es gibt viel Spott.
Wer ihn nicht mag ist gegen Gott.
Dir, Mutter, sag ich, geht der Schmerz
oft wie ein Schwert auch durch dein Herz."

Sehr ernst wird Josef im Gesicht,
als er so mit Maria spricht.
Und Simeon erklärt sehr breit,
was ihm vor langem prophezeit.

Noch während Simeon erklärt,
wie lang schon die Verheißung währt,
kommt Hanna, die Prophetin her,
sieht auch das Kind und lobt Gott sehr.

Fast nur im Tempel lebt die Frau,
ist hochbetagt und weiß genau,
wie Tränen schmecken, was sie fühlt,
wenn Leid und Trauer in ihr wühlt.

Nach kurzer Ehe starb ihr Mann.
Die Witwe dient Gott, wie sie kann.
Mit Fasten, Beten - Tag und Nacht -
hat sie ihr Leben zugebracht.

Jetzt lobt sie Gott für dieses Kind,
erzählt es allen ganz geschwind,
dass er Jerusalem befreit
von Angst und Klage, Not und Leid.

Und Simeon sagt nun erneut,
er könne sterben, weil er heut
den Heiland noch vor Augen sah.
Er singt und lobt, weil dies geschah.

"Dies ist erst recht für mich Indiz:
Wenn Gott sagt, dass er kommt, geschieht's.
Weil Gott erfüllt, was er verspricht,
freu ich mich auf das Himmelslicht."

LUKAS 2,21-40

Alle Rechte vorbehalten
Copyright 2002 beim Autor Martin Becker, Kassel

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