DAS LUKASEVANGELIUM IN (KREUZ-)REIMEN

 "Verdichtet" von Pfarrer Martin Becker
 
ÖL UND TRÄNEN

Voller Tränen und mit Absicht tritt von hinten sie heran.
Sie verehrt ihn; ja, sie liebt ihn; sie bewundert diesen Mann.
Seine Worte, seine Taten taten ihrer Seele gut.
Ihr ist jetzt nach einer Geste, einem Liebesdienst zumut'.

Ohne Worte, still von hinten, nähert sie sich diesem Herrn.
Sie fällt nieder auf die Knie und bedenkt nicht, inwiefern
andre Männer in dem Raume voller Neid und voll Moral
sie bewundern, sie bewerten, sie verachten, ja, - total!

Ganz behutsam mit den Händen streichelt sie erst einen Fuß.
Sie benetzt ihn mit den Tränen, weil sie ständig weinen muss.
Auch der zweite seiner Füße wird mit Tränen übersät.
Sie massiert sie, macht sie sauber; sie tutís voll Intimität.

Ihre weichen dunklen Haare hängen lang von ihrem Haupt,
fallen über seine Füße, längst sind sie von ihr entstaubt.
Und sie trocknet mit den Haaren seine Sohlen langsam ab.
Dabei küsst sie seine Knöchel, immer wieder, nicht zu knapp.

Noch beim Küssen, voller Inbrunst, voller Regung, sanft und sacht,
öffnet sie ein kleines Fläschchen, - hat sie extra mitgebracht, -
daraus gießt sie gutes Salböl auf die Füße von dem Mann.
Zur Erfrischung und zum Duften salbt und streichelt sie sie dann.

Da platzt einem Moralisten jetzt der Kragen und er sagt:
"Wenn der Mann hier ein Prophet wär', wüsste er, wer es hier wagt,
ihn zu küssen und zu streicheln. 'Jesus, weißt du nicht genau:
dies ist eine stadtbekannte kleine Nutte, diese Frau?'"

Der das sagte war der Simon, der ihn eingeladen hat.
Dieser war ein Pharisäer, ganz bekannt in seiner Stadt.
"Simon, ich will dir was sagen!" - spricht jetzt Jesus zu dem Mann.
"Meister, sag es!" - wird erwidert. Er fing zu erzählen an:

"Es war einst ein Geldverleiher. Zwei der Schuldner konnten nicht
ihre Schuld bei ihm bezahlen, so wie es wär' ihre Pflicht.
Fünfzig reine Silberstücke schuldet einer von den Zwein.
Bei dem andern stand fünfhundert in dem Brief, auf dem Schuldschein.

Beide waren nicht bei Kasse. Auch in absehbarer Zeit,
hätten sie nicht zahlen können. So blieb ihre Schuldigkeit.
Doch der gute Geldverleiher hat ein Herz mit diesen Herrn.
Er erlässt die Schulden beiden; beide sehen das sehr gern.

Guter Simon! Jetzt die Frage: Welcher hat ihn mehr geliebt?"
"Selbstverständlich" - sagte Simon "der, dem er das meiste gibt."
"Du hast recht!" sagt darauf Jesus. "Der, dem er das meiste schenkt,
wird ihn lieben, wird ihm danken, lebenslänglich, unbeschränkt.

Schau die Frau zu meinen Füßen. Sie hat Liebe mir erzeigt.
Voller Tränen, trotz der Leute, hat sie sich vor mir verneigt.
Du hast meine müden Füße nicht gewaschen, als ich kam.
Nicht mit Wasser, nur mit Tränen, sie die Reinigung vornahm.

Du hast keinen Kuss gegeben, keinen wie es üblich ist
mir zum Zeichen: 'Wir sind Brüder', auch wenn du sonst gastfrei bist.
Sie hat seit ich 'reingekommen mich mit Küssen übersät,
unablässig an den Füßen und mit viel Intensität.

Du hast mir kein Öl gegeben, nicht gesalbt des Gastes Haupt.
Vielleicht hast du es vergessen, an die Wirkung nicht geglaubt.
Sie hat extra von zu Hause gutes Salböl mitgebracht.
Sanft verrieben an den Füßen hat sie Freude mir gemacht.

Ich erkenne hinter allem tiefe Liebe dieser Frau.
Sie hat mir davon gegeben. Und das alles ohne Schau.
Sie trägt in sich sehr viel Liebe, weil ihr viel vergeben ist.
Ihre Leiden, Schuldgefühle kenne ich als Realist."

Und jetzt spricht er zu der Frau hin: "Geh in Frieden von hier fort.
Deine Sünden sind vergeben, denn du glaubtest meinem Wort.
Dein Vertrauen hat geholfen. Du hast große Liebeskraft.
Wühlt es in dir, geh in Frieden! Du bist sehr gewissenhaft."

LUKAS 7,36-50


Alle Rechte vorbehalten
Copyright 2002 beim Autor Martin Becker, Kassel

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