DAS LUKASEVANGELIUM IN (KREUZ-)REIMEN

 "Verdichtet" von Pfarrer Martin Becker
 
VOM VERLORENEN SCHAF

Da standen sie und rümpften ihre Nase.
Sie tuschelten und murrten mehr und mehr.
Sie redeten sich richtig in Ekstase.
Die harschen Worte flogen hin und her:

"Wie kann der nur zu diesen Menschen gehen?
Zu denen hat man besser nicht Kontakt!
Seht ihr, wie sie bei ihm dort drüben stehen?
Die werden allesamt noch mal verknackt.

Guckt euch die Typen an, dieses Gesindel!
Inmitten der Verbrecher steht der Mann.
Dass der von Gott kommt halte ich für Schwindel.
Der schmeißt sich an die armen Menschen ran.

Der redet mit den allerletzten Leuten.
Und bei den Reichen lädt er sich oft ein.
Bei denen isst er, die uns hier ausbeuten,
dort säuft und frisst er Kaviar und Wein.

Der sollte sich für etwas Bess'res halten.
Ein Gottesmann geht nicht zu Sündern hin.
Der sollte seine Rede hier entfalten.
Bei uns im Kreis versteht man ihren Sinn."

So redeten die frommen Schriftgelehrten.
Sie sprachen hinter vorgehalt'ner Hand.
Noch während sie sich über ihn beschwerten,
hat Jesus sich zu ihnen hin gewandt:

"Stellt euch mal vor, ihr wärt ein guter Hirte,
ihr hättet hundert Schafe, die ihr führt.
Doch von den hundert eines sich verirrte.
Wer hätte diesem Schaf nicht nachgespürt?

Die neunundneunzig andern müsst ihr lassen,
alleine in der Wüste bleiben sie.
Vielleicht kann euer Hund auf sie aufpassen.
Doch wenn ihr dableibt, findet ihr es nie.

Ihr sucht das eine, das sich selbst verloren.
Vielleicht verknackste es sich seinen Lauf.
Vielleicht hängt's im Gestrüpp, weil's ungeschoren.
Vielleicht fiel's in ein Loch und ein Stein drauf.

Ihr tragt es auf der Schulter, wenn ihr's findet.
Ihr bringt es zu den anderen zurück.
Ihr freut euch, wenn ihr heimkommt, und empfindet
durch dieses eine Tier ganz tiefes Glück.

Ihr werdet überall davon erzählen.
In den Gesprächen mit den Freunden kommt es vor.
Ihr werdet es als Thema lange wählen.
Die Freude bleibt den anderen im Ohr.

Ich will euch sagen, so wird Gott sich freuen.
So wird im Himmel große Freude sein,
wenn einer von den nicht so ganz Getreuen,
sich auf den Wegen Gottes findet ein.

Der Himmel freut sich über einen Sünder,
der sich verirrt hat und dann Buße tut.
Die neunundneunzig selbstgerechten Münder,
die sind dem Himmel sowieso schon gut."

LUKAS 15,1-7

Alle Rechte vorbehalten
Copyright 2002 beim Autor Martin Becker, Kassel

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