DAS LUKASEVANGELIUM IN (KREUZ-)REIMEN

 "Verdichtet" von Pfarrer Martin Becker
 
DAS SILBERSTÜCK

Damals hat sie zu der Hochzeit es bekommen.
Sie erinnerte sich immer noch genau.
Damals hatte sie beschämt es angenommen,
ein Stück Aussteuer und Stolz von dieser Frau.

Sie hat es für sich als großen Schatz gehütet.
Damals sagte er: "Das brauchst du in der Not."
Es war mehr für sie, als man mit Geld vergütet,
ein Stück Sicherheit, denn er war lange tot.

Niemals hätte sie es aus der Hand gegeben,
keinen einzigen der zehn Stück insgesamt.
Denn in ihnen steckt Erinnerung zum Leben,
weil ja jeder Groschen aus der Liebe stammt.

Pures Silber hielt sie da in ihren Händen,
blank geputzt und glänzend schaute sie es an.
Diesmal konnte sie kaum ihren Blick abwenden,
weil sie immer noch es nicht verstehen kann.

Mensch, wie konnte ihr denn dieses nur passieren?
Sie zählt nochmals nach, es ist das x-te Mal.
Ja, wie konnte sie den einen nur verlieren?
Sie schaut wieder hin: nur neun sind's an der Zahl.

Hilft nur eines: Sie macht sich jetzt auf die Suche.
Oben, unten, vor und hinter ihrem Schrank.
Und es hilft ihr nichts, auch wenn sie noch so fluche,
bei der Suche putzt sie alles blitzeblank.

Unterm Bett und hinter allen ihren Tassen,
jedes Handtuch schwenkt sie dreimal hin und her.
Sie kann vom Gefühl her einfach es nicht fassen.
Ihre Augen werden rot und tränenschwer.

Abends macht sie Licht an und holt einen Besen.
Sie schaut nach in jeder Ritze, jedem Loch.
Und sie fragt sich, wo ist sie zuletzt gewesen?
Und sie tröstet sich: Ich finde ihn wohl noch.

Sie guckt überall, es dauert viele Stunden.
Schließlich braucht die Suche sogar Tage lang.
Doch am Ende hat den Groschen sie gefunden.
Und die Trauer wechselt über in Gesang.

Sie läuft rüber zu der Nachbarin zur Linken.
Sie erzählt ihr von der Freude, ihrem Glück.
Und sie lädt sie ein: "Wir wollen darauf trinken!
Komm mit mir, ich zeige dir das gute Stück."

Auch die andern Nachbarn hat sie eingeladen.
Alle Freundinnen, die lädt sie obendrein.
Sie kauft Käse, Obst und backt noch frische Fladen.
Sie holt aus dem Keller auch zwei Flaschen Wein.

"Freut euch mit mir, denn ich habe ihn gefunden!
Er war weg und ist jetzt endlich wieder da.
Grund genug mit euch zu feiern ein paar Stunden.
Und ich sage euch, wie mir zumute war."

So wird Freude sein im Himmel bei den Engeln,
wenn ein Sünder in sich geht und Buße tut.
Erd und Himmel werden gar nichts mehr bemängeln.
Gott und Menschen spüren: "Alles ist jetzt gut!"

LUKAS 15,8-10

Alle Rechte vorbehalten
Copyright 2002 beim Autor Martin Becker, Kassel

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