DAS LUKASEVANGELIUM IN (KREUZ-)REIMEN

 "Verdichtet" von Pfarrer Martin Becker
 
SEHNSUCHT

Wie viel Monde sind seit damals schon vergangen?
Wie viel Nächte wälzte er sich hin und her?
Wie oft musste er schon früher um ihn bangen?
Wie oft wurde ihm sein Herz deswegen schwer?

Wie oft stand er an der Türe um zu schauen?
In die Ferne schweifte träumerisch sein Blick.
Er versuchte seinem Herzen zu vertrauen.
Seit er fort zog, hat die Freude einen Knick.

Wie oft dachte er an schöne Kindertage.
Er erinnerte sich an Familienglück.
Damals war noch alles leichter - ohne Frage.
Die Gedanken gingen oft dahin zurück.

Doch wo wird der junge Kerle heute stecken?
Was fängt er mit sich und seinem Leben an?
Muss er sich gewaltig an die Decke strecken?
Werden sie sich wiedersehen? Wo und wann?

Ob das Geld reicht, das er damals ihm gegeben?
Sind die Freunde, die er traf, wohl gut für ihn?
Hat er Arbeit, Wohnung und genug zum Leben?
Musste er denn wirklich in die Ferne zieh'n?

Hier zu Hause hat ihn einfach nichts gehalten, -
nicht die Eltern, nicht der Bruder, nicht das Feld.
Keinen Ratschlag wollt er hören von den Alten.
Immer int'ressierte er sich nur für Geld.

Leben wollte er! Ja, leben aus den Vollen!
Ja, er wollte leben, heute und nicht schlecht!
Doch ging es um Pflichten und ging es um "sollen",
stand er auf, ging fort und nichts mehr war ihm recht.

Wieder einmal ging sein Blick in weite Ferne.
Dort am Horizont zieh'n Menschen pünktchengroß,
wo sie kommen, wo sie gehen, so wie Sterne, -
wie viel dieser Sterne sind wohl heimatlos?

Immer noch spürt er in sich die tiefe Liebe.
Sie galt ihm genau wie seinem andern Sohn.
Nichts sonst immer wieder an die Tür ihn triebe.
Ohne Liebe träumte er nicht nachts davon.

Davon träumt er, dass er eines Tages käme.
Offen bleibt für ihn für alle Zeit sein Haus.
Er hofft nur, dass er die Liebe dann annähme.
Seine Arme breitet er im Geist schon aus.

Wieder einmal steht er so in seiner Türe.
Ist es Wahrheit oder ist es Illusion?
Doch es ist, - es ist, als ob er in sich spüre:
Das dort hinten, dieser Lumpen, ist sein Sohn.

Und schon rennt er! Er läuft seinem Sohn entgegen.
Ganz zerfetzt und ganz verkommen sieht er aus.
Dieses Bild des Jammers kommt dort ganz verlegen
und hat nur noch einen Wunsch: "Ich will nach Haus".

Und der Vater öffnet liebevoll die Arme.
Ja, er fällt ihm richtig stürmisch um den Hals.
Ach, es ist, als ob Gott selber sich erbarme.
Freudentränen und 'nen Kuss gibt's jedenfalls.

LUKAS 15,11-20

Alle Rechte vorbehalten
Copyright 2002 beim Autor Martin Becker, Kassel

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